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Wieso gibt es nach wie vor so wenige Frauen in Führungspositionen?

Mittwoch, 11. Juni 2014 / 14:21 Uhr

An diesem Wochenende moderierte ich beim Global Summit of Women in Paris, einem Weltwirtschaftsforum für Politikerinnen und Unternehmerinnen. Organisiert wird die Veranstaltung von einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Washington, die es sich zum Ziel gesetzt hat, weltweit die Belange von Frauen voranzutreiben.

Tarja Halonen ist der Überzeugung, die Bereitstellung praxistauglicher Kinderbetreuung sei der erste Schritt, Frauen von dem Gedanken abzubringen, sich zwischen Kindern und ihrer Karriere entscheiden zu müssen.

Aus Politik und Privatwirtschaft kamen Staatenlenkerinnen und Managerinnen zusammen, um gemeinsam über die Stellung der Frau zu sprechen und darüber, wie man den Beitrag zur Gesellschaft, den viele Frauen erbringen, besser honorieren könnte. Fähige und ambitionierte Frauen mit den geeigneten Werkzeugen für eine erfolgreiche Karriere auszustatten, ist nicht nur moralisch richtig, sondern auch vorteilhaft für die Konjunktur, wie einige der grössten Volkswirtschaften langsam begreifen.

Nach zwei Jahrzehnten Wirtschaftsflaute in Japan - einem der sozial wohl konservativesten Gesellschaften auf der Erde - soll fortan das versteckte Potenzial der Frauen dazu beitragen, die seit 20 Jahren andauernde Krise des Landes zu überwinden.

In Europa hat sich die Frauenbeteiligung dank des eindrucksvollen Engagements der EU-Kommissarin Viviane Reding und anderen Mitstreiterinnen rasant vergrössert.

Mehr als die üblichen Politikerversprechen im Wahlkampf

Um Frauen in der Arbeitswelt zu fördern und zu stärken, braucht es aber wohl mehr als die üblichen Politikerversprechen im Wahlkampf. Generationenübergreifendes Engagement und ein Sinneswandel in der kulturell teilweise tief verwurzelten Denkart werden dafür nötig sein. Zudem sollte das Rezept nicht für alle Länder gleich aussehen.

Frauen in Entwicklungsländern sind mit anderen Probleme geschlagen als Frauen in Europa und den USA. Und sie haben unterschiedliche Prioritäten. Die jeweilige Perspektive zu berücksichtigen, ist entscheidend. Während es generell stimmt, dass Bildung massgeblich dafür verantwortlich ist, Potenziale freizusetzen, kann man feststellen, dass Mädchen in der Schule bereits heute in vielen Teilen der Welt bessere Leistungen erbringen als Jungs. Doch die gläserne Decke ist nach wie vor allgegenwärtig; nur wenige Frauen können sie in der Arbeitswelt später durchbrechen.

Zwischen Kindern und Karriere

So ist die zweimalige finnische Präsidentin Tarja Halonen der Überzeugung, die Bereitstellung praxistauglicher Kinderbetreuung (und zwar in Ländern, die es sich leisten können) sei der erste Schritt, Frauen von dem Gedanken abzubringen, sich zwischen Kindern und ihrer Karriere entscheiden zu müssen. Starke Vorbilder zu haben, ermutigt Frauen auch, Vorurteile und Stigmata zu überwinden, mit denen viele arbeitende Mütter nach wie vor konfrontiert werden. Die maltesische Präsidentin Marie-Louise Coleiro Preca - erst die zweite Frau, die diesen Posten innehat - findet, dass das Rollenklischee der Frau als reine Mutter und Ehefrau ad acta gelegt werden muss, wenn die Kinder noch in der Schule sind. Ihrer Meinung nach formt sich bereits in jungen Jahren Selbstvertrauen und der Glaube an den eigenen Erfolg.

Man kann zurecht behaupten, dass «Kind oder Karriere» heute nicht länger eine Entweder-oder-Frage ist. Mittlerweile haben es mehr Frauen als je zuvor geschafft, im Leben beides zu erreichen. Doch Coleiro Preca betont, dass nicht alle Frauen den Luxus geniessen und vor der Wahl stehen, ob sie lieber zuhause bleiben wollen, um ihre Kinder grosszuziehen, oder einen Job ausüben, den sie gern machen.

In einigen Ländern können Frauen wegen des fehlenden Zugangs zu Verhütungsmitteln nicht selbst entscheiden, wann sie eine Familie gründen wollen. In anderen Fällen möchten Frauen zwar eine berufliche Auszeit nehmen, um ihre Kinder aufzuziehen, sind jedoch aufgrund der Umstände dazu gezwungen, einem Job nachzugehen, den sie gar nicht machen wollen.

«Die Wahrheit lautet doch: Wenn du arm bist, hast du keine Wahl«, stellt sie nüchtern fest. »Wir müssen uns also etwas Besseres einfallen lassen, um auch diesen Frauen helfen zu können und ihnen gerecht zu werden.»

Mehr Frauen in Führungspositionen werden dazu beitragen, dass die Politiker auch mehr Sensibilität für diese Themen entwickeln und den Fokus zunehmend auf Randgruppen lenken, deren Belange bislang wenig Beachtung fanden, glaubt Coleiro Preca.

Ein Bereich, in dem sich in relativ kurzer Zeit viel getan hat, ist die Privatwirtschaft

Quotenvorgaben, die Vorstandsetagen dazu zwingen, Frauen aufzunehmen, waren beim Kampf gegen Sexismus in der bislang fast ausschliesslich männlichen Welt des Kapitalismus ein entscheidender Schritt. Viviane Reding hat eingeführt, dass sich die EU endlich bewegt und die Vorstände in Unternehmen zu 40% mit Frauen besetzt sein müssen.

Doch die Gesetzgebung für die Führungsriege der Firmen zeichnet ein verzerrtes Bild der Situation und wird all jenen Frauen nicht gerecht, die weiter unten in der Lohntabelle arbeiten. Weibliche Arbeitskräfte wurden von den Entlassungswellen 2008 besonders hart getroffen. Eine alarmierend hohe Zahl der Frauen blieb auch in den folgenden vier Jahre unterbeschäftigt - viele in Jobs, in denen sie entweder Teilzeit arbeiteten oder schlechter bezahlt wurden als zuvor. Bei alledem sollte man auch nicht den Beitrag vergessen, den viele Frauen auf unterschiedliche Art und Weise für die Gesellschaft leisten und der nicht als Beruf anerkannt oder mit Geld gewürdigt wird. Frauen spielen eine entscheidende Rolle dabei, die nächste Generation grosszuziehen.

Doch wir schulden es all jenen, die zudem eine lohnende Karriere anstreben, endlich ein gutes Gleichgewicht zu finden. Um Frauen in der Arbeitswelt zu fördern und zu stärken, braucht es mehr als die üblichen Politikerversprechen im Wahlkampf.

Über Nina dos Santos:
Nina Dos Santos ist Wirtschaftsmoderatorin von CNN International. Sie moderiert die Wirtschaftssendung «The Business View», die wochentäglich um 12.00 Uhr auf CNN International ausgestrahlt wird.

(Nina dos Santos, CNN International/CNN-Today)


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